© Felix Lüneberger

Künstliche Wartezeiten bei “Google Plus”

 

Es ist soweit, “Google Plus” ist da! Aber wieso kann sich noch nicht jeder in diesem neuen Netzwerk anmelden? Welcher uralte Marketing-Trick wird hier benutzt, und wie soll eine unnötige Wartezeit zum Erfolg beitragen?

 

Unnötige Wartezeiten

Als Freizeitparkfan kenne ich mit dem Thema Warteschlangen besser aus, als es mir lieb ist. Wer sich dafür interessiert, kann sich mal diesen Artikel von Ralph Latotzki ansehen.

© Felix Lüneberger

© Felix Lüneberger: Unnötige Warteschlange in einem Freizeitpark in China

Aber das Endergebnis ist folgendes: Niemand wartet gerne! Vor allem dann nicht, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Bei einer Achterbahn wird aus Sparsamkeit zum Beispiel in manchen Fällen nur ein Zug eingesetzt, obwohl zwei Züge problemlos die Kapazität verdoppeln könnten. Das führt zu unnötigen Wartezeiten und damit zu Frust bei den Parkbesuchern. Doch bei der Einführung von Googles neustem sozialen Netzwerk “Google Plus” soll mit dieser Taktik genau das Gegenteil erreicht werden! In Marketingkreisen ist das längst ein alter Hut.

 

So funktioniert es:

Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Wenn ein Gut, wie zum Beispiel Gold, nur begrenzt verfügbar ist, dann ist es bei gleicher Nachfrage teurer als ein Gut wie Silber, von dem es mehr Vorkommen gibt. Nachzulesen ist das unter anderem im grandiosen Buch “Economics” von Mankiw & Taylor. Aber hier ist der Clou: Es reicht dabei aus, dem Kunden die Knappheit des Guts nur vorzutäuschen. Denkt der Kunde, es handele sich um ein begrenztes Kontingent, erhöht sich die Kaufbereitschaft und es entsteht eine gewisse Dringlichkeit zum Kauf. Im Supermarkt wird diese Strategie mit Signalwörtern wie “Jetzt nur X Euro!” oder “So lange der Vorrat reicht” oder “Maximal 2 pro Kunde” seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt. In der Reisebranche setzt das Hotelbuchungsportal Booking.com diese Taktik ein, um Druck auf den Kunden durch Nachrichten wie “Nur noch 2 Zimmer zu diesem Preis verfügbar!” aufzubauen. Eine künstliche Knappheit erhöht somit das Interesse der Kunden. Und genau das macht sich Google momentan zu Nutze.

 

Künstliche Knappheit & Exklusivität helfen der Promotion von “Google Plus”:

 

Sie haben bereits eine Einladung bekommen? Zurzeit sind unsere Kapazitäten ausgelastet. Bitte versuchen Sie es in Kürze noch einmal.

Die hier links stehende Meldung bekommt man aktuell angezeigt, wenn man sich auf dieser Google Seite im neuen “Google Plus” Netzwerk anmelden möchte. Ein klarer Fall von künstlich erzeugter Knappheit. Man braucht eine spezielle Einladung – das täuscht Exklusivität vor. Und auch mit einer Einladung ist die Anmeldung aufgrund “ausgelasteter Kapazitäten” nicht immer möglich. Somit erscheint die Teilnahme an “Google Plus” als ein begrenztes Gut, wodurch das Interesse steigt. Das äußert sich aktuell in tausenden von Tweets und hunderten Blogartikeln. Ein exemplarisches Beispiel ist dieser Artikel von Danny Sullivan auf Searchengineland.com, der erklärt, wie man einen Blick auf “Google Plus” erhaschen kann, obwohl man sich derzeit nicht anmelden kann.

Aber das ist alles nur Teil von Googles Plan. Selbstverständlich sind die Server Kapazitäten nicht ausgelastet. Zwar sind die genauen Dimensionen von Googles IT Infrastruktur ein wohlgehütetes Geheimnis, aber laut einer Schätzung von Paul Strassmann hatte Google bereits vor 6 Jahren mehr als 200.000 Server. Bei einem Nettogewinn von 8,5 Milliarden Dollar allein im letzten Jahr, ist davon auszugehen, dass genug Geld investiert werden konnte, um jederzeit genügend freie Serverkapazitäten zu haben – vor allem bei der Einführung eines so fundamental wichtigen Projekts wie “Google Plus”.

 

Durch künstliche Wartezeiten erzeugt Google also Exklusivität und Knappheit, die das Interesse an dem Produkt erhöhen sollen. Bis jetzt scheint diese Strategie hervorragend zu funktionieren.

 

07. Juli 2011

Bilder und Text: Felix Lüneberger

 

 



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